Prokrastination – Begriff, Ursachen & Auswege

1 Einleitung

Prokrastination ist zu einem Wort avanciert, das mittlerweile anscheinend nahezu jedem Menschen bekannt ist.

Das Phänomen der Prokrastination ist insbesondere in Kontexten prävalent, in denen es um Aufgaben geht, die nur wenig Freude bereiten, allerdings nach gängiger Auffassung erledigt werden müssen. Als prominentes Beispiel ließe sich das Anfertigen von Abschlussarbeiten anführen. Anstatt sich dem wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen, wird manchmal lieber das Smartphone hervorgeholt und die Instagram-App eingeschaltet.

Doch was ist Prokrastination genau? Und wie lässt sich das Phänomen vermeiden?

2 Begriff der Prokrastination

Das Wort ‚Prokrastination‘ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie ‚Vertagung‘ oder ‚Aufschub‘ (vgl. Liddell-Scott-Jones, 2021, o. S.). Das deutschsprachige Wort bezieht sich auf ein Aufschieben in exorbitantem Ausmaß. In der Psychologie wird unter dem Wort bisweilen das Phänomen gefasst, wichtige Tätigkeiten unnötigerweise aufzuschieben. Laut einer US-amerikanischen Datenerhebung des Jahres 2004 behaupten bis zu 70 Prozent der Studierenden von sich, Prokrastinatoren zu sein (vgl. Klingsieck, 2013, S. 24). 

In Anbetracht dieser basalen Standarddefinition stellt sich die Frage, was unter einem Aufschieben in exorbitantem Ausmaß oder einem unnötigen Aufschieben wichtiger Tätigkeiten genau zu verstehen ist. Diesbezüglich hat Klingsieck sieben Komponenten erarbeitet, die erfüllt werden müssen, damit eine Verhaltensweise legitimerweise als ‚Prokrastination‘ klassifiziert werden kann. Diese Komponenten entnahm Klingsieck ihrerseits der Fachliteratur, in der unterschiedliche Definitionen angeführt wurden (vgl. Klingsieck, 2013, S. 25):

1. Das Ausführen einer Handlung wird hinausgezögert.

2. Das Beginnen oder Fertigstellen der Ausführung wird beabsichtigt.

3. Das Ausführen der Handlung ist existenziell notwendig oder wird aus subjektiver Perspektive als wichtig erachtet.

4. Das Hinauszögern der Handlung erfolgt willentlich und wird nicht durch externe Faktoren erzwungen.

Relevant ist in diesem Kontext, so ließe sich hinzufügen, dass ein ‚Zwang‘ seinerseits Handlungen erforderlich macht, deren Ausführung aus existenzieller oder subjektiver Perspektive wichtiger sind beziehungsweise als derart erachtet werden. Folglich handelt es sich beispielsweise bei Vorwänden oder dem Ausführen von Tätigkeiten, die eigentlich nicht als wichtiger erachtet werden, nicht um Zwänge, sondern um eine Komponente der Prokrastination. Zur Veranschaulichung könnte das Beispiel fungieren, dass im ersteren Fall ein Student dazu genötigt ist, die Niederschrift seiner Bachelorarbeit nicht zu beginnen, da der Kochtopf überläuft, das Haus brennt oder die Beerdigung der Großeltern innerhalb einiger weniger Stunden beginnt. Hierbei würde es sich nicht um Prokrastination handeln, da die Geschehnisse Handlungen erfordern, die gegenüber dem Niederschreiben der Bachelorarbeit aufrichtig priorisiert werden. Das ist nicht der Fall, wenn das Niederschreiben der Bachelorarbeit nicht begonnen wird, da plötzlich begonnen wird, die Wohnung zu reinigen, obwohl dies eigentlich nicht priorisiert wird, sondern der Student schlichtweg nicht mit dem Niederschreiben der Bachelorarbeit beginnen möchte.

5. Das Hinauszögern ist unnötig oder irrational.

Als Beispiel für ein irrationales Hinauszögern lässt sich der Fall anführen, dass eine Person zu jener Tageszeit, in der sie sich am besten konzentrieren kann, mit dem Aufräumen beginnt oder Bilder bei Instagram begutachtet, obwohl dies weniger Konzentration erfordert – und dementsprechend gleichermaßen effizient an nahezu jeder beliebigen Tageszeit ausgeführt werden kann, was nicht für das Niederschreiben der Bachelorarbeit gilt.

6. Das Hinauszögern erfolgt, obwohl sich die Person im Klaren darüber ist, dass dies negative Konsequenzen mit sich bringen kann.

Obwohl einige Menschen von sich behaupten, Prokrastination als strategische Maßnahme zu verwenden, um produktiver zu arbeiten, ist nicht davon auszugehen, dass diese Strategie tatsächlich zu gesteigerter Effizienz beiträgt. Vielmehr führt Prokrastination zu schlechteren Leistungen (vgl. Steel, 2007, S. 70-71), beispielsweise aufgrund der dadurch entstehenden Hektik. Darüber hinaus führt Prokrastination mutmaßlich auch zu einem negativen Selbstbild (vgl. Engberding et al., 2017, S. 417).

Demnach prokrastinieren zumindest jene Menschen, die sich über diese negativen Konsequenzen bewusst sind. Bemerkenswerterweise bedeutet dies, dass Menschen, die fälschlich davon überzeugt sind, das Hinauszögern der auszuführenden Tätigkeit führe letztlich zu einer effizienteren Bewerkstelligung, nicht prokrastinieren. Vielmehr liegt in solchen Fällen eine fragwürdige Strategie vor, die letztlich zu schlechteren Ergebnissen führt.

7.  Laut Klingsieck ist eine Komponente der Prokrastination, dass diese mit einem negativen Gefühl verbunden ist (vgl. Klingsieck, 2013, S. 25). Das liegt möglicherweise daran, dass sich Menschen, die prokrastinieren, üblicherweise mit der bevorstehenden Aufgabe beschäftigen und auch und vielleicht sogar geradewegs im Rahmen des Prokrastinierens an diese denken (vgl. diesbezüglich Engberding et al., 2017, S. 417).

Bemerkenswert ist die Differenzierung von ‚aktiven‘ und ‚passiven‘ Prokrastinatoren, die von Chu und Choi eingeführt wurde. Chu und Choi stellten die These auf, dass Menschen, die geplant prokrastinieren, weniger Leistungseinbußen erleiden als Menschen, die ‚ungeplant‘ prokrastinieren – also als Menschen, welche eine Aufgabe eigentlich möglichst zeitnah erledigen wollen, dies jedoch letztlich nicht tun, da sie das Ausführen der Tätigkeit hinauszögern. Chu und Choi erhoben Daten von insgesamt 230 Personen, die in Kanada studieren. Erwähnenswert ist diesbezüglich, dass der Datensatz von Chu und Choi nicht repräsentativ war, zumindest nicht hinsichtlich des Durchschnitts kanadischer Studierender – 53,7 Prozent der Teilnehmenden waren asiatischstämmig, 72,2 Prozent waren weiblich (vgl. Chu und Choi, 2010, S. 251).

Im Rahmen der statistischen Auswertung zeigte sich, dass sogenannte aktive Prokrastinatoren laut ihrer eigenen subjektiven Auffassung eher dazu in der Lage sind, ihre Zeit angemessen einzuteilen als passive Prokrastinatoren. Die beste Zeiteinteilung findet sich anscheinend bei Nichtprokrastinatoren (vgl. Chu und Choi, 2010, S. 258).  Aktive Prokrastinatoren weisen einen stärkeren Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit auf als passive Prokrastinatoren. Darüber hinaus erleiden passive Prokrastinatoren mehr depressive Gefühle und mehr Stressempfinden. Sie weisen ebenfalls schlechtere Noten auf. Zwischen Nichtprokrastinatoren und aktiven Prokrastinatoren finden sich diesbezüglich keine statistisch signifikanten Unterschiede (vgl. Chu und Choi, 2010, S. 259).

In Anbetracht der Befunde von Chu und Choi (2010) ließe sich die These aufstellen, dass unter anderem Steels (2007) Auffassung, Prokrastination bringe schlechtere Leistungen mit sich, falsch oder zumindest zu undifferenziert ist. Ob dies tatsächlich der Fall ist, ist jedoch fraglich, da die Datenerhebung von Chu und Choi (2010) erstens aufgrund des verwendeten Datensatzes limitiert ist und zweitens keine Aussagen darüber erlaubt, wie die Leistungen von aktiven Prokrastinatoren ausfallen würden, wenn sie nicht mehr prokrastinieren. Problematisch ist weiterhin die sehr subjektive Komponente der gemessenen Leistung: Die Leistung wurde nicht anhand sogenannter objektiver Kriterien, sondern mittels Fragebögen ermittelt (vgl. Chu und Choi, 2010, S. 251).

3 Ursachen

Bezüglich der Frage, wodurch Prokrastination verursacht wird, finden sich unterschiedliche Antworten. Einige Ursachen für Prokrastination können beispielsweise ein ineffizientes Zeitmanagement sein. Weitere mögliche Ursachen sind das Gefühl des Überwältigt-Seins und Motivationsmangel (vgl. unter anderem Rothblum et al., 1986, S. 387-394).

Eine maßgebliche Rolle spielt möglicherweise das Bedürfnis, als anstrengend und unangenehm empfundenen Aufgaben zu entgehen. Diese werden im Rahmen der Prokrastination durch Tätigkeiten ersetzt, die als weniger unangenehm oder sogar als angenehm erachtet werden. Im Zuge dessen ist den Prokrastinierenden zwar bewusst, dass sie unproduktiv sind, doch diese Leistungseinbußen „sind eben nicht akut verhaltenssteuernd“ (Engberding et al., 2017, S. 419). Verhaltenssteuernd sind dagegen kurzfristige emotionale Befindlichkeiten. Diese kurzfristigen emotionalen Befindlichkeiten führen zu einer Art ‚Flucht‘ vor der bevorstehenden Aufgabe – oftmals hin zu Tätigkeiten, die zum zeitnahen Ausstoß von sogenannten Glückshormonen wie beispielsweise Dopamin führen. Ein populäres Beispiel diesbezüglich sind soziale Medien, die durch Belohnungsmechanismen und kurzfristig induzierte Erfolgsgefühle – beispielsweise Zuspruch in Form sogenannter Likes – Suchtverhalten begünstigen können (vgl. Burhan und Moradzadeh, 2019, S. 1-2). Durch wiederholte Belohnungen dieser Art beginnt vielleicht sogar das sogenannte dopaminerge Belohnungssystem, diejenigen neuronalen Vernetzungen zu priorisieren, die mit kurzfristiger Lustbefriedigung dieser Art in Zusammenhang stehen – ähnlich wie im Fall von Kokain (vgl. diesbezüglich Martinez et al., 2009, S. 1170-1177).

Anders ausgedrückt: Die Aufgabe, die bevorsteht, führt nicht in ausreichendem Maß zu einem Ausstoß an Neurotransmittern wie beispielsweise Dopamin. Salopp formuliert ließe sich Prokrastination als ‚Motivationsproblem‘ bezeichnen. Der Direktor der Prokrastinationsforschungsgruppe der Carleton University Timothy A. Pychyl drückt dies folgendermaßen aus: „Prokrastination ist, im Leben keine Projekte zu haben, die tatsächlich die eigenen Ziele widerspiegeln“ (Gura, 2008-2009, S. 29). Denn welche Person prokrastiniert schon, wenn es um Dinge geht, von denen sie unmittelbar felsenfest überzeugt ist, dass diese sinnvoll sind, zu ihrem persönlichen Wachstum beitragen sowie dem Rest der Welt von Nutzen sind?

4 Auswege

Als Auswege aus der Prokrastination werden bisweilen Maßnahmen angeführt, die darauf abzielen, sich auf die bevorstehende Aufgabe bestmöglich zu konzentrieren, indem sich beispielsweise von Ablenkungen abgeschirmt wird (vgl. Engberding, 2017, S. 419). Ein Beispiel dafür wäre das Ausschalten des Mobiltelefons.

Darüber hinaus kann Prokrastination unterbunden werden, indem sich vor der Ausführung der entsprechenden Tätigkeit in eine angemessene Stimmung sowie Bereitschaft versetzt wird. Es kann beispielsweise sinnvoll sein, sich vor einer solchen Tätigkeit zu vergegenwärtigen, weshalb diese ausgeführt wird und welchen Nutzen sie erfüllt. Im Rahmen des sogenannten Münsteraner Interventionskonzepts wird weiterhin pünktliches Beginnen, realistisches Planen, Arbeitsplatzgestaltung und Arbeitszeitrestriktion empfohlen (vgl. Engberding, 2017, S. 420). Dadurch wird ein systematisches, strukturiertes Vorgehen ermöglicht, was zumindest die Wahrscheinlichkeit mindert, dass bevorstehende Aufgaben unnötig hinausgezögert werden. Zugleich sorgt eine realistische Zeitplanung dafür, dass nicht das Gefühl des Überwältigt-Seins entsteht (vgl. Höcker et al., 2008, S. 223-229). 

Doch was ist, wenn der Sinn der bevorstehenden Aufgabe selbst infrage gestellt wird? Dann wird vielleicht bezüglich der Zeitplanung prokrastiniert! In jedem Fall ist also irgendein Ausmaß des ‚Selbstzwangs‘ nötig, um Prokrastination in solchen Kontexten effektiv zu unterbinden.

Es gibt noch eine Möglichkeit, um Prokrastination zu vermeiden. Es handelt sich um das Wahrnehmen einer bestimmten Maßnahme, die in der heutigen Gesellschaft kaum bis gar nicht praktiziert wird: Tu nur noch das, was du als sinnvoll erachtest. Wer tatsächlich dasjenige tut, was er für richtig und sinnvoll hält, der wird auch Mühen auf sich nehmen, die nicht unverzüglich Belohnungen mit sich bringen. Wer dasjenige tut, was er für richtig und sinnvoll hält, der wird nicht versuchen, vor der Aufgabe zu fliehen, sondern wird sich darauf freuen, sich ihr zu widmen. Marian C. Poetzsch drückt dies folgendermaßen aus: „Ja, wirklich, die Frage ist, worauf du Bock hast. Wenn du keine Lust hast, die Seminararbeit zu schreiben, weil du nicht nur Platon langweilig findest, sondern das ganze Politik-Studium dir eigentlich keinen Spaß macht – wie wäre es dann mit einem Fach, das dir wirklich gefällt? Oder suche dir einen Job, der tatsächlich zu dir passt“ (Poetzsch, 2018, S. 117).

Literaturverzeichnis

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